#rp13: Zeit für re:alpolitik?

Lange ist es nicht her, da waren auf re:publica wie politcamp allenthalben orange Segel zu sehen: Die Mehrheit trug mindestens ein Accessoire der Piratenpartei zur Schau. Doch die Euphorie ist längst verflogen und an manchen Stellen war so etwas wie Resignation zu spüren. Als an Tag 3 Annett Meiritz in einem Panel fragte, wo denn der Protest in der nächsten Zeit entladen wird, kam keine explosive Reaktion. Vielleicht etwas zur #Drosselkom, so die zögerliche Reaktion, danach allgemeines Schulterzucken.

Kein Wunder, dass Sascha Lobo die Netzgemeinde zielsicher getroffen hat, als er nach der #lsr-Abstimmung zum Neustart aufgerufen hat. Denn der Motor der Piraten scheint leergelaufen zu sein. Zu viele merkwürdige Gestalten haben die eigentlich frische Partei in einen öffentlich wahrgenommenen Intrigenstadl verwandelt. Statt Netzpolitik zu machen wird nun über den Schutz von Hamstern vor sexuellem Missbrauch gestritten. Avantgarde sieht anders aus.

Aber ein Rückzug wäre genau das Falsche. Auch wenn das aus der Feder eines CDU-Politikers merkwürdig klingen mag: Das politische Engagement der Netzgemeinde ist unersetzlich. Die Politik braucht das Netz. Und damit meine ich nicht irgendeine Verbreitungsplattform für nichtssagende Wohlfühl-Wahlkampf-Videos. Sondern die ungestüme, ungefilterte und echte politische Meinung. Das Einfordern einer Politik, die endlich die Infrastruktur des Netzes pusht statt Hürden aufzubauen.

Doch ungestüm ist das entscheidende Adjektiv. Im Netz aufgebaute, eruptive Protestwellen gegen ACTA, Zugangserschwerung und Jugendmedienschutzstaatsvertrag haben die Politik eine Zeit lang voll getroffen und einen Stopp erzwungen. Doch der Schock des politischen Establishments dauerte nicht lange. Spätestens mit dem Leistungsschutzrecht scheinen viele Entscheider des politischen Top-Managements wieder zum “business as usual” übergegangen zu sein. Und waren 120.000 Unterstützer einer ePetition vor vier Jahren noch spektakulär, so ist auch hier eine Art Inflationseffekt eingetreten.

Schrill alleine reicht also nicht mehr. “Was würde Merkel überzeugen?” fragt Sascha Lobo am Montag daher zu recht. Und auch an anderen Stellen taucht auf der #rp13 ein Wort auf, das bis dahin als sichere Provokation für einen garantierten Shitstorm galt: Kompromiss.

Immer wenn ich mich in den letzten Jahren für einen Kompromiss eingesetzt habe, hagelte es härteste Kritik aus dem Netz. Zuletzt beim Leistungsschutzrecht. Natürlich konnte man sich auf die Position stellen: Ich bin dagegen, alles Blödsinn. Aber was haben diejenigen erreicht? Nichts.

Der Versuch, dem Leistungsschutzrecht die Zähne zu ziehen, war dagegen gar nicht so unerfolgreich. Ohne jetzt noch einmal alles aufzählen zu wollen: Zumindest ist das Gesetz nun deutlich harmloser als zuvor. Ein klassischer Kompromiss, bei dem niemand am Ende sein Gesicht verloren hat. Typisch für unsere Demokratie. Typisch für eine Gesellschaft, die am Ende immer den Ausgleich liebt und eine Entscheidung mit Verlierern hasst.

Und so erging es nahezu allen Gesetzen der letzten Jahre bis Jahrzehnte, am Ende stand der Kompromiss. Sollte also die Netzgemeinde nun das Unerhörte wagen: einen Kompromiss? Wer weiß, am Ende könnte das vielleicht sogar Merkel überzeugen.

Debatte über Ergebnisse der Internet-Enquete im Deutschen Bundestag

Ein Rückblick von Thomas Jarzombek

Mit der Plenardebatte am Donnerstag, den 18. April 2013 über den Schlussbericht (pdf) [Link: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/125/1712550.pdf] und die zwölf Zwischenberichte von Urheberrecht, Datenschutz und Medienkompetenz bis hin zu Verbraucherschutz und anderen Themen [Link: http://www.bundestag.de/internetenquete/dokumentation/Zwischenberichte/index.jsp] der Enquete-Kommission „Internet und Digitale Gesellschaft“ ist die Arbeit nun offiziell zu Ende gegangen. Die letzte Sitzung der Enquete-Kommission mit der Abstimmung über die letzten Zwischenberichte fand bereits am 28. Januar 2013 statt.

In den letzten drei Jahren haben wir knapp 2000 Text erarbeitet und eine Vielzahl von Themen rund um das Internet und die digitale Gesellschaft aus allen Blickwinkeln beleuchtet. Daneben haben wir auch im Parlament einiges an Überzeugungsarbeit geleistet, was das Thema Netzpolitik angeht. Die Enquete-Kommission ist gestartet, als die Debatte um das Zugangserschwerungsgesetz und Zensursula noch frisch war und der Geist der Freiheit kein Kriterium für netzpolitische Entscheidungen war. Dass sich hier ein Paradigmenwandel vollzogen hat, zeigen die Aufhebung der Netzsperren, die breite Debatte um ACTA und auch die Verbesserungen am Leistungsschutzrecht und auch die Vergabe des Deutschen Computerspielpreises.

In den Arbeitsgruppen, die ich als Vorsitzender geleitet habe oder federführend begleitet habe, können wir auch sehenswerte Ergebnisse vorweisen. Der Bericht der Projektgruppe Wirtschaft, Arbeit, Green IT macht noch einmal deutlich, dass das Internet Wirtschaftsfaktor und Jobmaschine ist. Wenn man bedenkt, dass der letzte große deutsche Konzern, die SAP,  vor 40 Jahren gegründet worden ist, muss die Frage beantwortet werden: Was kommt eigentlich danach? Viele Unternehmen der Internetwirtschaft kommen aus Nordamerika, aber es gibt die ersten deutschen Unternehmen, die sich anschicken selbst zum Weltmarktführer zu werden.

Weniger positiv fällt mein Resümee beim Thema Internationales und Internet Governance aus. Bisher hat dieser Themenkomplex zu wenig Beachtung im Parlament gefunden, Abgeordnete müssen zukünftig stärker Präsenz auf internationalen Konferenzen zeigen und so den deutschen Einfluss auf Entscheidungen verstärken. Eine Handlungsempfehlung ist deshalb auch, dass sich Deutschland als Ausrichter eines Internet Governance Forums bewerben sollte.

Bedanken möchte ich mich bei allen, die mitgearbeitet haben: Sachverständige und Abgeordnete aller Fraktionen. Insbesondere die Sachverständigen haben neben ihrer regulären Arbeit viel Zeit und Nerven aufgewendet. Ich glaube, dass wir einen umfassenden Stand der Netzpolitik, als auch Handlungsempfehlungen für den zukünftigen Gesetzgeber erarbeitet haben, die zukünftig von Interesse sein werden, wenn es um neue Gesetze im Bereich der Netzpolitik geht. Auf jeden Fall wird der Enquete-Bericht dem zukünftigen Internet-Ausschuss genug Material für eine Legislaturperiode bieten.

Weiterführende Informationen: http://www.bundestag.de/internetenquete/index.jsp

Maklerprovisionen: Wie wäre es denn mal halbe/halbe?

Wenn Mieten steigen und Wähler unzufrieden sind, dann bereitet sich der Nährboden für politischen Handlungsdruck. Doch warum sollen Makler zu 100% von Mietern gezahlt werden? Das ist genauso unlogisch wie das Gegenteil: sie zu 100% von den Vermietern zahlen zu lassen.

Ein Plädoyer für die Begrenzung der Maklergebühren bei Mietern. Auf eine Monatsmiete.
Die Mietpreise in manchen Städten sind hoch. Verdammt hoch. Und sie steigen weiter. Was die Eigentümer freut, sorgt all diejenigen, die sich gedanklich schon bei der Suche einer neuen Mietwohnung sehen. Ein Problem? Oder Zeichen einer attraktiven Stadt?

Eigentlich sind steigende Mieten etwas gutes. Sie sind ein Zeichen, dass eine Stadt funktioniert, attraktiv ist und sich daher großer Beliebtheit erfreut. Es gibt auch ganz andere Gegenden in Deutschland: wo Mieten einbrechen, Wohnungen unbewohnt bleiben und der demographische Wandel voll zuschlägt. Wer dort jahrzehntelang auf eine Eigentumswohnung als Altersvorsorge gespart hat, bekommt ein echtes Problem. Selbst über den Rückbau von Straßenzügen zur Vermeidung von Leerstand und Kriminalität wird diskutiert. Also: Steigende Mieten sind die Kehrseite der gelungenen Entwicklung einer Stadt, die an Attraktivität gewinnt.

Viel Provision – nur um ein paar Fotos ins Internet zu stellen?

Doch diese Betrachtung wird sicher von denjenigen ganz anders gesehen, die derzeit auf der Suche nach einer Mietwohnung sind. Und oben drauf kommen dann auch noch Maklergebühren von 2,38 Monatsmieten. Auch ich habe mich schon sehr geärgert, bei all den Kosten eines Umzugs am Ende auch noch eine üppige Zahlung an den Makler vornehmen zu müssen. Wofür eigentlich? Viel Geld – nur um ein paar Bilder ins Internet zu stellen?
Das kann so sein. Muss es aber nicht. Wer schon einmal versucht hat, eine Wohnung selbst zu vermieten, wird sich eher in einem Haifischbecken als netten Karpfenteich wiedergefunden haben. Die Sitten sind verroht: Viele Leute halten sich gleich mehrere Wohnungen offen, werden „ganz sicher morgen unterschreiben“, brauchen nur noch „grad ein paar Unterlagen“ oder haben es sich „dann doch nochmal anders überlegt“, weil irgendwo anders der Nachbar doch keinen Hund hatte.

Wo ist eigentlich der Wettbewerb, wenn jeder Makler den gleichen Preis nimmt?

Der Aufwand kann also erheblich sein. Wer seine Wohnung, gedacht als Altersvorsorge, neben einem erfüllten Job vermieten will – der lernt die Dienste eines Maklers zu schätzen. Doch warum soll dann gerade der Vermieter zahlen? Eine berechtigte Frage. Und eine noch bessere Frage: Wo ist eigentlich der Markt? Wenn jeder Makler den gleichen Preis nimmt, dann ist das ein sicheres Indiz für mangelhaftem Wettbewerb.
Daher möchte ich die Diskussion um einen weiteren Vorschlag anreichern: Wie wäre es, wenn maximal eine Monatsmiete auf den Mieter umgelegt werden dürfte?
Eine Sorge, die nicht zuletzt mein Kollege Dr. Jan-Marco Luczak gestern in der „Welt am Sonntag“ beschrieb, ist sehr nachvollziehbar: Wenn die gesamte Provision vom Vermieter getragen werden muss, dann wird er diese mit Sicherheit auf die Mietkosten umlegen. Wer schnell wieder wegzieht, muss damit kein Problem haben. Wer aber lange wohnen bleibt, zahlt drauf. Und wenn zu einem Stichtag kein Makler mehr vom Mieter bezahlt werden darf, werden sicher viele Vermieter anfangen umzulegen. Wenn es dann „sowieso alle machen“, verschlechtert der Vermieter seine Wettbewerbsposition damit ja auch nicht zu konkurrierenden Wohnungen.

Jeder eine Monatsmiete

Warum also nicht die Hälfte? Wenn die Maklerprovision auf Mietseite auf eine Monatsmiete begrenzt würde, gebe es einen sofortigen Effekt: Mieter würden nur noch die Hälfte zahlen. Was aber passiert mit dem Rest?
Nun, der Vermieter würde sich überlegen, ob er nicht einen Makler findet, der es günstiger macht als bisher. Denn sollte der Makler insgesamt nur eine Monatsmiete an Provision nehmen, müsste der Vermieter ja weiterhin keinen Anteil leisten und folglich nichts auf die Miete umlegen – seine Wohnung würde damit konkurrenzfähiger werden. Zumal er ja damit rechnen muss, dass auch andere Vermieter mit ihren Maklern gut verhandeln und Wohnungen in der Nähe ohne Umlage auf den Markt bringen.
Sicher wird es auch noch Lösungen dazwischen geben. Beispielweise, indem der tatsächliche Aufwand in Rechnung gestellt wird. Unterschreibt gleich der erste Interessent oder ist auch der fünfte inzwischen abgesprungen? Dass moderate Zuschläge dann zu einer Steigerung der Mietkosten führen, fällt mir schwer zu glauben.
Aus meiner Sicht muss das Ziel mehr Wettbewerb sein. Wettbewerb hilft den Kunden – sowohl den Mietern wie auch den Vermietern. Es wird also Zeit, mehr Wettbewerb in den Maklermarkt zu bringen, statt von einem Extrem in ein anderes zu verfallen.

@hannelorekraft und die Illusion vom Dialog auf Augenhöhe

Wenn ein Politiker zu Twitter geht, dann ist das Versprechen eigentlich dieses: Ich begebe mich auf Augenhöhe mit der Twittercommunity, teile nicht nur Dinge mit, sondern bin bereit zum Dialog.

Als Hannelore Kraft wenige Wochen vor der NRW-Wahl überraschend einen Twitteraccount eröffnete, da war ich skeptisch. Meint die Ministerpräsidentin das ernst oder ist das nur ein kurzlebiger Wahlkampfgag? Seit gestern liegt die Antwort auf dem Tisch: Es geht zu 100% um Wahlkampf und zu 0% um Dialog auf Augenhöhe.

Auslöser war ein Tweet von @hannelorekraft am Mittwoch zu einem Artikel im Stern. Dort ging es um die Frage, ob die NRW-Landesregierung einem Blogger Aufträge zugeschustert hat, um sich mit öffentlichen Geldern für Wahlkampfhilfe aus dem Jahr 2010 zu bedanken.

Nun war es die Ministerpräsidentin, die das Thema auf Twitter platziert hat: “Zu dem Stern-Bericht frage ich mich, was das soll. Lauter nicht belegte Unterstellungen.” schrieb Hannelore Kraft am Mittwoch. Wie ich finde, eine sonderbare Aussage der Betroffenen: Stimmen die Behauptungen oder nicht? Wer sonst soll das wissen, wenn nicht die beschuldigte Ministerpräsidentin? Ob belegte Behauptungen oder nicht – stimmt das denn nun oder nicht?

Diese Frage stellte ich sogleich an Frau Kraft. Und es passierte: nichts. Nun Antworten Politiker ja nicht immer sofort und gerne auf alle Fragen. Doch da war doch das Versprechen von Frau Kraft, auf Twitter einen Dialog zu führen. Also fragte ich einige Zeit später nach. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Doch eine Antwort bleibt sie Twitter schuldig – bis heute.

Schade ist, dass wieder einmal der Eindruck entsteht, Politiker seien abgehoben. Aber wie wir mittlerweile wissen, ignoriert Kraft nicht nur die Menschen auf Twitter – sie hat inzwischen auch den Stern per einstweiliger Verfügung zum Schweigen gebracht. Ein interessantes Verständnis von Transparenz, Pressefreiheit und Dialog auf Augenhöhe.

Jugendschutz Teil 3: Die Kennzeichnung „B“ – wollen Rundfunkdinosaurier die Blogger aussperren?

In den ersten beiden Teilen dieses Artikels habe ich die grundsätzliche Frage beleuchtet, ob Jugendschutz im Internet überhaupt noch sinnvoll ist und ob Jugendschutzprogramme dazu einen Beitrag leisten. Und dass sich die CDU gegen Netzsperren, für Medienkompetenz und neue Wege gegen Cybermobbing ausgesprochen hat. Doch was ist mit der neuen Blogger-Alterskennzeichnung – nur ein Relikt der Rundfunkära?

Es riecht im Netz nach Jurassic Parc… oder? Dinosaurier der Rundfunkära machen sich über die Blogger her! Oje, oje! Und die haben sich alle in der CDU versammelt!? Muss jeder künftig ein „B“ auf seine Seite schreiben? Und warum? Was ist hier eigentlich los?

Um eines vorwegzunehmen: Wir wollen eine neue Jugendschutz-Kennzeichnung nicht um die Netzgemeinde zu piesacken, sondern zum Schutz der Blogger!

Worum geht es eigentlich? Der geltende Jugendmedienschutzsstaatsvertrag überträgt die Mechanismen der Rundfunkära so ziemlich 1:1 auf das Internet. Das bedeutet, jeder muss seine Seite fein altersdifferenzieren. Ist der eigene Blog ab 6, 12, 16 oder 18 geeignet? Sollte dabei 16 oder 18 herauskommen, hat man zwei Möglichkeiten: Die Kennzeichnung für ein anerkanntes Jugendschutzprogramm oder das alte Sendezeitenprinzip, was man aus dem Fernsehen kennt. Dann darf die 16er Seite jeden Tag erst ab 22 Uhr ans Netz.

Dies wurde immer wieder als unzeitgemäß kritisiert. Und zurecht: Dort, wo nutzergenerierte Inhalte dynamisch entstehen, kann doch kein Mensch mehr eine solch exakte Altersdifferenzierung vornehmen. Und was ist außerdem mit all den ausländischen Seiten? Und wieso kann ein 16jähriger soviel weniger ertragen als ein 18jähriger? Sehr berechtigte Fragen.

Daher sind wir nun die ersten, die den Einstieg in ein neues System vorschlagen. Viel zeitgemäßer wäre es doch, wenn Nutzer statt der Anbieter die Jugendgefährdung bewerten könnten. Wer auf eine Seite trifft, die Pornographie enthält, mag dies durch einen Klick bewerten. Ebenso wenn er Gewaltdarstellungen findet. Wer hingegen eine Seite als besonders geeignet für Kinder empfindet, sollte auch das mitteilen können. Beispiel: So könnten auf einer Seite 12 Nutzer Sexualdarstellungen und 17 Nutzer Gewalt vorgefunden haben. Eine andere Seite wiederrum könnte von 47 Nutzern für Kinder empfohlen werden. Kein neues Verfahren, man findet es im Netz an jeder Ecke.

Genau diese Nutzerbewertungen könnten dann per Browser-Add-In, Jugendschutzprogramm oder was auch immer ausgewertet werden und ein Hilfsmittel für Eltern sein. So stelle ich mir modernen Jugendschutz im Netz vor, er nutzt Schwarmintelligenz wie sehr viele anderen Plattformen auch. Wie gesagt, gesperrt wird künftig nach unserem Modell gar nichts mehr, es ist Basis eines möglichen Tools für Eltern.

Die Diskussionen über ein neues System, wo Nutzer statt Expertengremien über die Jugendgefährdung von Seiten urteilen, ist dabei durchaus kontrovers. Manche Jugendschützer betrachten diesen Systemwechsel mit Sorge. Zurecht? Wir werden sehen. Denn wir wollen das neue System ausprobieren und erst einmal neben das alte setzen. Werden dann irgendwann Nutzerbewertungen das alte Jugendschutz-System ersetzen? Auch das werden wir sehen. Es ist erst einmal ein Einstieg und eine Chance.

Wie sieht das Missbrauchspotenzial aus? Eine wichtige Frage, denn keiner möchte seine Website diskreditiert sehen – Diskriminierungen müssen  verhindert werden. Wer beispielsweise auf einmal ungerechtfertigt mit pornographischen Bewertungen überschüttet wird, muss sich vor einer neutralen Stelle wehren können. Dazu schlagen wir eine neue Selbstkontrolle vor. Diese soll mit Leuten besetzt werden die im Netz gewählt werden, wie bei anderen Formen der Internet-Governance auch.

Wie kann man nun bei diesem neuen System mitmachen? Was ist nach dieser Definition ein Blog und muss man überhaupt seine Seite kennzeichnen? Wir setzen auf Selbstregulierung: So entscheidet jeder selbst. Wichtig ist, dass kein Betreiber seine Seite kennzeichnen muss. Doch wer nicht ausschließen kann, dass irgendein Nutzer Porno- oder Gewaltdarstellungen auf seiner Seite hinterlässt, der kann das neue System nutzen um Rechtssicherheit zu erlangen. Einfach eine digitale Kennzeichnung „B“ vornehmen und keiner kann mehr abmahnen. Ich finde, das ist ebenfalls ein großer Fortschritt: Abmahnsicherheit.

Das neue System, es ist in unserem Konzept erst einmal nur eine Hülle. Eine Hülle, die es gilt, von der Netzgemeinde gefüllt zu werden. Ich finde, es ist ein spannender Versuch. Ich freue mich darauf und bin überzeugt, dass das Netz erneut zeigen kann, dass es sich sehr wohl selbst organisieren kann.

Teil 2: Happy Birthday Internet, Du bist jetzt 16 und nicht mehr 12

Im ersten Teil dieses Artikels habe ich dargestellt, dass sich die CDU gegen Netzsperren, für Medienkompetenz und neue Wege gegen Cybermobbing ausgesprochen hat. Jetzt geht es ans Eingemachte: Ist Jugendschutz im Internet überhaupt noch sinnvoll?

Die Antwort ist zweiteilig: Erst einmal glaube ich nicht, dass man mit Gesetzen und Filterprogrammen Jugendliche davon abhalten kann, irgendwo im Netz einen Porno- oder Gewaltfilm herunterzuladen. Punkt. Zweitens: Dennoch ist Jugendschutz nicht überflüssig.

Auch im VHS-Zeitalter (für die Jüngeren: das war ein Standard bei Videokassetten) konnte man den Jugendschutz mehr oder weniger leicht umgehen. Indem man den großen Bruder in die Videothek schickte, Kassettenkopien auf dem Pausenhof tauschte oder das seichte Softpornoprogramm um Mitternacht aufzeichnete. Denn als Jugendlicher war man ohnehin meist der einzige, der einen Videorekorder programmieren konnte. Trotz allem war der Jugendschutz aber nicht so verkehrt: Man wurde zumindest nicht den ganzen Tag mit nackter Haut berieselt, sondern nur auf Wunsch.

Und genau das – nicht mehr und nicht weniger – kann der Jugendschutz im Internet leisten. Ich denke, der ein oder andere wird es nicht schlecht finden, wenn auf den großen Portalen und den häufig genutzten Webseiten nicht den ganz Tag lang nackte Damen winken. Und sei es auch nur deshalb, damit man sich auf etwas anderes konzentrieren kann…

Was bedeutet das alles für unser Leitbild? Es sieht so aus: Wir wollen nicht mehr mit allen (ungeeigneten) Mitteln versuchen, das googeln von Filmchen zu verhindern, sondern den ungewollten Kontakt mit Porno und Gewalt auf den häufig genutzten Seiten zu verhindern. Ich glaube, das ist ein ganz funktionales Jugendschutzmodell.

Braucht es dazu nun Jugendschutzprogramme? Braucht es sie überhaupt? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Wir haben lange, sehr lange über Sinn und Zweck von Jugendschutzprogrammen diskutiert. Doch entgegen der landläufigen Meinung im Netz ist Politik immer auch das Management des Möglichen. Es gibt sie nun mal, die Jugendschutzprogramme. Zwei Stück wurden jetzt endlich von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) anerkannt und müssen sich nun beweisen: Helfen diese Programme den Eltern wirklich? Werden Sie genutzt? Lassen sie den Kids genug Freiheiten? Wir werden da sicher bald schlauer sein.

Seit dem 8.2. ist das Netz ab 16 und nicht mehr ab 12

Doch mit dieser vermeintlich kleinen Verwaltungsentscheidung am 8. Februar, von vielen gar nicht richtig wahrgenommen, ist etwas ganz großes passiert: Der Jugendschutzstandard im Deutschen Internet ist von 12 auf 16 Jahre angehoben worden! Tatsächlich war es bislang so, dass man legal nur Inhalte einstellen durfte, die für 12jährige geeignet waren. Bei 16er Inhalten musste man das unselige Modell der Sendezeiten anwenden, also seine Website erst ab 22 Uhr aktivieren oder seine Nutzer per Postident vorfiltern.

Das ist nun nicht mehr so. Jetzt kann man alle Inhalte für 16jährige online stellen, indem einfach nur eine digitale Kennzeichnung vornimmt. Damit sind aber nun all diese 16er Inhalte für jeden abrufbar – es gibt nur eine Ausnahme: Wenn auf dem PC ein Jugendschutzprogramm installiert wurde. Ich bin gespannt, wie viele dies tun werden…

Im dritten Teil gehe ich morgen dann endlich auf die Kennzeichnung „B“ für Blogs ein – stay tuned!

Jugendschutz: Schluss mit Sperrverfügungen (Teil 1 von 3)

Ich weiß, dass so manche Initiative der CDU rund um das Internet alles andere als Begeisterung in der Netzgemeinde auslöst. In diesem Umfeld verstehe ich gut, dass auch in unser Jugendschutzpapier allerhand hinein interpretiert wird. Doch sind die Sorgen begründet? Teil 1 nimmt sich den Sperrverfügung, dem Recht auf Medienkompetenz und dem Cybermobbing an.

Das Jugendschutzpapier der CDU hat fünf gleichwertige Komponenten. Das für viele im Netz vielleicht wichtigste: Wir setzen uns für das Abschaffen der Sperrverfügungen ein! Ich finde, das ist eine verdammt große Sache. Doch eine Änderung des Jugendmedienschutzstaatsvertrages (JMStV) erfordert, dass auch die rot und grün regierten Staatskanzleien dabei mitmachen. Werden sie es tun? Das ist jetzt die Gretchenfrage. Aber wer hätte gedacht, dass gerade die Union die Aufhebung der Sperrverfügungen initiiert?

Wir haben immer gesagt: Jugendschutz im Internet, das ist auch insbesondere Medienkompetenz. Seit Jahren gibt es viele gute Initiativen, aber reicht das alles? Ich glaube nicht. Es wird allenthalben über Medienkompetenz geredet, doch bei den konkreten Strukturen hakt es. Daher gehen wir jetzt mit einer konkreten Forderung voran: Die Länder sollen in ihren Mediengesetzen konkrete Strukturen einfordern. Jeder Mensch in diesem Land soll einen Anspruch auf Medienkompetenz bekommen. Und einen konkreten Ansprechpartner dafür. Beispielsweise in Schulen und Freizeitstätten: Hier sollen Medienkompetenzbeauftragte benannt werden, bei denen man sein Recht einfordern kann.

Beim Jugendschutz wurden bislang hauptsächlich Pornographie und Gewaltdarstellungen thematisiert. Doch sind das heute immer noch die Hauptprobleme? Es gibt die Studien die nahelegen, dass Eltern wie Jugendliche heute ganz andere Probleme sehen: Von Mobbing über Sucht bis hin zu Abzocke und Grooming. Gibt es hier einen Masterplan? Wir sagen nein. Aber wir müssen uns den Sorgen und Problemen annehmen.

Die CDU möchte hier einen neuen Weg gehen: Nicht mehr zwei, drei plakative Forderungen, sondern viele kleinteilige Lösungen. Die wollen wir uns auch gar nicht selbst ausdenken, sondern werden dazu den Dialog eröffnen. Vor allem mit Opfern, aber auch mit allen, die sich hier einbringen wollen. Eine Kick-off-Veranstaltung wird es im Rahmen der CDU Media Night geben, von da aus wird dann weiter mit einer offenen Plattform im Internet gearbeitet.

Das ist der erste Teil unserer Ideen zum Jugendschutz. Die viel diskutierte Kennzeichnung für Blogs – sie folgt im zweiten Teil, der morgen erscheint.

Google vs. Freiheit

Deutsche legen großen Wert auf ihre Privatsphäre. Unser Datenschutz ist der strengste weltweit. Aber erliegen wir nicht einer Illusion, wo Google und Facebook mehr über uns wissen, als wir dem Staat je anvertrauen würden?

Bei einem Besuch in Estland prallten gerade Welten aufeinander: Stolz führten unsere Gastgeber vor, dass sie das modernste eGovernment in Europa haben. Alles ist gespeichert und vernetzt: Von der vorausgefüllten Steuererklärung bis zur persönlichen Krankenakte inklusive Röntgenbilder. Online. Einsehbar für staatliche Behörden. Und für jeden, der zum Zugriff berechtigt ist. Als wir erklärten, dies sei in Deutschland undenkbar, ernteten wir erst ungläubige, dann mitleidige Blicke.

Lange diskutierten wir anschließend, warum das so ist. Warum vertrauen wir Deutschen unserem Staat so wenig? Obwohl wir doch eine bewährte und transparente Demokratie haben, mit zahlreichen Kontrollorganen und einer funktionierenden investigativen Presse?

Wahrscheinlich, weil wir Deutschen mehrfach in der Geschichte erlebt haben, was eine Diktatur anrichten kann. Und dass Schnüffelei, Denunziation und das Wissen über die intimen Geheimnisse der Menschen für einen Diktator Kernwerkzeuge sind. Nie, so haben wir uns geschworen, dürfen intimste Daten so gebündelt werden, dass sie unkontrollierbares Machtwerkzeug werden.

Die Wanze in meiner Tasche

Doch haben wir diesen Kampf nicht längst verloren? Denn diese Datenbasis der unkontrollierbaren Machtfülle – es gibt sie inzwischen. Und wir haben darüber keine, nicht die geringste Kontrolle mehr. Denn während der Staat immer wieder beim Datensammeln vom Verfassungsgericht eingebremst wird, scheinen Google und Facebook in George Orwell bestenfalls den Autoren ihres „Getting started Guide“ zu sehen.

Nehmen wir nur einmal Google. „Die Wanze in meiner Tasche“ nannte anfangs der Netzredakteur eines großen Online-Magazins belustigt und besorgt zugleich sein Android-Handy. Mehr als jedes zweite verkaufte Smartphone in Deutschland ist eben jene „Wanze in der Tasche“. Keine Vorratsdatenspeicherung würde die Standortdaten des Besitzers so exakt aufzeichnen wie diese Google-Telefone mit GPS und WLAN-Ortung.

Doch mutet das regelrecht harmlos an verglichen mit dem Rest. So scannt Google alle Mails seiner Nutzer. Und speichert alle Suchanfragen personalisiert ab, mindestens für 9 Monate. Und danach bleiben sie gespeichert. Anonymisiert, was auch immer das genau bedeutet. Und das ist immer noch nur ein Ausschnitt.

Facebook scheint dabei ein kongenialer Partner zu sein. Als ich selbst auf meinem Google-Handy die Facebook-App – erfolglos – deinstallieren wollte, wurde mir angezeigt, was alles an Facebook übersendet wird. So beansprucht Facebook den Zugriff auf die Anruflisten, kann SMS nicht nur lesen, sondern auch senden und bearbeiten, SD-Inhalte lesen und ändern, schließlich den Kalender und das Telefonbuch auslesen und verändern. Selbst netzaffine Bekannte von mir waren davon überrascht und erschrocken, sie hatten dies so nicht „auf dem Schirm“.

Die intimsten Dinge über uns – potenzielle Waffen gegen Individuen

Was also sind die Daten, die der Staat speichert, verglichen zu der Machtfülle von Google und Facebook? Es sind die intimsten Dinge, die sich in all den Google-Suchanfragen, SMS, Mails und Standortdaten eines Menschen verbergen. Es bietet genügend Material um jedem, aber wirklich jedem Menschen durch gezielte Indiskretion und Veröffentlichung seine Reputation in der Öffentlichkeit zu nehmen.

Wie kann es sein, dass wir uns so viele Gedanken darüber machen, die Daten des Staates zu sichern, aber den kommerziellen Firmen noch viel, viel mehr Rechte erlauben? Wie kann ich vertrauen, dass Google und Facebook nicht eines Tages diese Daten totalitär nutzen? Bei einem neuen CEO. Oder falls doch ein Dateneinbruch auf deren Servern gelingt. Oder aus welchen Gründen auch immer. Wer also kontrolliert diese wahnsinnige Machtbasis dieser kommerziellen Unternehmen? Diese Waffe, mit der Individuen vernichtet werden können?

Ich denke, der Sprengstoff dieser Datenfülle ist so groß, dass es einer demokratischen Kontrollinstanz bedarf. So umfangreiche und intime Daten über die Menschen in unserem Lande dürfen kein Privateigentum sein. Von niemandem. Und schon gar nicht unkontrolliert.

Zurück zu unserer Delegation im Reisebus in Estland. Hier warf ich am Ende bei meinen Kollegen die Frage auf, ob wir eigentlich noch freie Abgeordnete sind. Was, wenn einer von uns ein Google-kritisches Gesetz einbringt? Besteht nicht die ernsthafte Gefahr, dann durch solche Indiskretionen gezielt mundtot gemacht zu werden? Sind wir also als Abgeordnete wirklich noch frei?

Die Reaktion meiner Kollegen war ein betroffenes Schweigen.

Netzneutralität – das erste Gesetz ist da!

Wir Deutschen mögen es nicht schwarz und weiß. Wir lieben den dritten Weg. So ist die soziale Marktwirtschaft entstanden: Marktwirtschaft und soziale Ordnung – Gegensätze die ständig neu ausbalanciert werden in der Mitte.

Wenn morgen der Deutsche Bundestag zum ersten Mal ein Gesetz zur Netzneutralität verabschiedet, dann folgt auch dies der Logik des dritten Weges.

In vielen, vielen Sitzungen der Enquetekommission haben wir über Netzneutralität diskutiert. Manche sahen darin die entscheidende Existenzfrage des Netzes, andere fragten, ob wir nicht ein Problem lösen wollten, das gar nicht existiere. Es wurde jedenfalls argumentiert, dass es in Deutschland nur einen Versuch gegeben habe, Netzneutralität zu unterbinden: Der Fall Skype. Doch hier hat der Markt funktioniert und das Problem selbst gelöst. Zunächst?

Nun argumentieren manche, dass Netzneutralität in übertriebener Form vielleicht Gleichmacherei sei. Ein Netz des Sozialismus? Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, sagte mir am Rande einer Veranstaltung einmal: Preisdifferenzierung, dass sei doch ein Wesensmerkmal funktionierende Märkte. Dem stimme ich zu. Wenn keine Qualitäten mehr differenziert werden dürfen, sondern nur noch die Preise, dann entsteht knallharter, reiner Preiswettbewerb.

Wettbewerb funktioniert aber nur, wenn er in einem vernünftigen Rahmen abläuft. Und daher war sich die Enquete-Kommission schnell einig: Diskriminierung darf es nicht geben. Und Transparenz muss sein. Ein Fall wie in den USA, wo Google einen exklusiven Deal mit den Mobilfunkern verabredete – das darf es in Deutschland nicht geben.

Denn es muss gelten: Gleiches Recht für alle. Daher muss jeder Netzbetreiber, der Qualitäten differenzieren will, gleiche Preise für alle anbieten, jeden nehmen und sein gesamtes Geschäftsgebaren transparent machen. Dies schreibt nun der neue §41a des TKG vor. Und verweist auf eine Verordnung, die von der Bundesregierung gemeinsam mit den (mehrheitlich SPD-regierten) Ländern erlassen wird. Ein Garant für breiten Konsens.

Damit ist die Meinungsfreiheit in dieser Frage gesichert: Niemand darf willkürlich unterdrückt und diskriminiert werden.

Dabei hat Freiheit einen weiteren Aspekt: Wer die vollständige Kontrolle der Netzneutralität einfordert muss wissen, dass dies in Deutschland von Beamten überwacht werden wird. Also eine neue Superbehörde zur Kontrolle des Netzes? Ich wünsche mir mehr Freiheit, und das bedeutet weniger Staat. Dies gilt für mich bei der Vorratsdatenspeicherung genauso wie bei der Netzneutralität.

Doch was ist mit den Gründern und den Wirtschaftspotenzialen des freien Netzes? Ich wäre wirklich interessiert von Beispielen zu hören, wo Gründungen durch Qualitätsdifferenzierungen bedroht wären. Bislang sehe ich aber bei Gründungen vor allem andere Probleme, von fehlender Gründungskultur an den Hochschulen bis zur unbefriedigenden Situation bei Venture Capital. Dies versucht der Staat mit Förderprogrammen zu bekämpfen, doch anscheinend mit wenig Erfolg. Eine Anhörung im Unterausschuss Neue Medien ergab vor kurzem, dass den Netz-Gründern diese bürokratischen Programme viel zu langsam und umständlich sind.

Daher finde ich eine andere Idee ganz reizvoll: All die unnützen Programme zu streichen und stattdessen Gründerserver bereit zu stellen, wo jeder experimentieren kann und vom Staat gefördert die beste Netzanbindung mit der höchsten Priorität bekommt. Eine gute Idee? Gründerneutralität als staatliches Förderprogramm? Ich stelle den Gedanken hiermit zur Diskussion.

Ich freue mich aber auch auf eine weitere spannende Diskussion: über den Inhalt der Verordnung, die nun zu erarbeiten ist. Jeder, der morgen im Plenum unser Gesetz kritisiert, ist aufgerufen sich einzubringen. Und die Netzcommunity ohnehin.

Meine Maxime ist dabei klar: Ich möchte ein Netz der freien Meinungsäußerung. Keine staatliche Bevormundung. Und ein Netz des Wettbewerbs und der Pluralität. Daher gehen wir den dritten Weg – die Balance zwischen staatlicher Intervention und der Freiheit der Marktteilnehmer.

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Anhang zum Nachlesen: Der neue §41a TKG in vollem Wortlaut:

„§ 41a Netzneutralität

(1)     Die Bundesregierung wird ermächtigt, in einer Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundestages und des Bundesrates gegenüber Unternehmen, die Telekommunikationsnetze betreiben, die grundsätzlichen Anforderungen an eine diskriminierungsfreie Datenübermittlung und den diskriminierungsfreien Zugang zu Inhalten und Anwendungen festzulegen, um eine willkürliche Verschlechterung von Diensten und eine ungerechtfertigte Behinderung oder Verlangsamung des Datenverkehrs in den Netzen zu verhindern; sie berücksichtigt hierbei die europäischen Vorgaben sowie die Ziele und Grundsätze des § 2.

(2)     Die Bundesnetzagentur kann in einer Technischen Richtlinie Einzelheiten über die Mindestanforderungen an die Dienstqualität durch Verfügung festlegen. Bevor die Mindestanforderungen festgelegt werden, sind die Gründe für ein Tätigwerden, die geplanten Anforderungen und die vorgeschlagene Vorgehensweise zusammenfassend darzustellen; diese Darstellung ist der Kommission und dem GEREK rechtzeitig zu übermitteln. Den Kommentaren oder Empfehlungen der Kommission ist bei der Festlegung der Anforderungen weitestgehend Rechnung zu tragen.“

Mein Abstimmungsverhalten zum EFSF

Während heute Morgen der Deutsche Bundestag über die Eurorettung diskutiert hat, gab es erneut sehr gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt: Im Vergleich zum September 2010 haben wir in diesem Monat 230.000 weniger Arbeitslose – mit 2,8 Mio. Arbeitslosen ist heute der niedrigste Stand seit 20 Jahren erreicht.

Erstaunlich ist dieser Widerspruch zwischen den Ängsten vieler und den tatsächlichen Erfolgen unserer Wirtschaftspolitik. Die Arbeitslosenzahlen sind die niedrigsten seit der Wiedervereinigung. Im letzten Jahr hatten wir das stärkste Wirtschaftswachstum seit über 10 Jahren und die höchsten Exporte in der Geschichte der Bundesrepublik. Und dies alles drei Jahre nach der größten Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg und dem – umstrittenen – milliardenschweren Rettungsschirm für die Banken.

Dies zeigt: Rettungsschirme können sehr erfolgreich sein und mehren unseren Wohlstand, statt ihn zu gefährden. So haben fast alle Banken ihre Kredite inzwischen an den Staat zurückgezahlt und statt großer Verluste, hat der Staat sogar Milliarden an Zinsen eingenommen. Am Ende sind wir gestärkt aus der Krise gekommen.

Heute stand nun erneut ein Rettungsschirm auf der Tagesordnung des Bundestages.

Ich habe dabei für die Umstrukturierung des EFSF (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität) gestimmt, denn ich bin davon überzeugt, dass uns das gleiche mit dem Euro auch gelingen wird. Denn der Euro ist der zentrale Grund, warum unsere Exporte die höchsten in der Geschichte der Bundesrepublik sind. Denn nur wegen des Euro sind unsere Exporte so konkurrenzfähig. Gäbe es noch die D-Mark, wäre diese so oft aufgewertet worden, dass dies unser Wachstum erheblich gebremst hätte.

Der positive Beitrag des Euro ist dabei weithin unbestritten. Doch von vielen Managern, Bankern und Ökonomen wurde in letzter Zeit vor dem heutigen Beschluss zum EFSF gewarnt. In einem Punkt stimmen jedoch alle Ökonomen zu: Ein vollständiger Zusammenbruch des Eurosystems wäre für uns mit unvorstellbaren Nachteilen und Kosten verbunden. Die Märkte würden extrem auf eine Wiedereinführung der D-Mark reagieren und unsere Währung irrational überbewerten, was unsere Exportwirtschaft zum Erliegen bringen würde. Am Beispiel der Schweiz lies sich dies in den letzten Wochen beobachten: Der Franken wurde so extrem aufgewertet, dass den Schweizern am Ende nur noch die Aufgabe ihrer Souveränität blieb und der Franken an den Euro gekoppelt wurde.

Daher sind sich fast alle in dieser Frage einig: Ein Zusammenbruch des Eurosystems wäre die allerschlechteste Lösung. Zu beantworten ist nun die Frage: Wie lässt sich das verhindern? Und hier geht es nicht mehr um eine rein ökonomische, sondern vor allem um eine politische Frage. Ich teile hier die Meinung von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble mit voller Überzeugung: Politischer Instinkt und politische Erfahrung lassen befürchten , dass mit dem Ausscheiden eines ersten Landes aus dem Euro das ganze System nicht mehr zu halten sein wird. Die Märkte würden dann unmittelbar gegen die nächsten Länder spekulieren und ein Land nach dem anderen aus dem Euro herausbrechen, bis das Gesamtsystem zusammenbricht. Unsere Exportgüter würden damit über Nacht so teuer, dass dies schwerwiegendste Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt hätte, unser Wohlstand wäre in höchster Gefahr.

Doch ich teile die Sorge vieler, die mir geschrieben haben, ob wir hier nicht in ein Fass ohne Boden investieren. Denn dieses Risiko besteht ganz eindeutig. Und deshalb haben wir die Griechenlandhilfen bereits letztes Jahr an Reform- und Einsparziele gebunden. Deren Einhaltung wird nicht nur von der europäischen Zentralbank und der EU-Kommission überwacht, sondern auch vom unabhängigen IWF (Internationaler Währungsfonds). Wenn Griechenland diese Ziele nicht erreicht, dann werden die weiteren Tranchen gestoppt – und zwar bereits die aus dem ersten Griechenlandpaket vom letzten Jahr.

Diese strengen Vorgaben sind nicht nur wichtig, damit Griechenland wieder alleine ans Laufen kommt, sondern auch um andere Länder vor ähnlicher Disziplinlosigkeit abzuschrecken. Und dies wirkt: Portugal, Spanien und Irland erreichen ihre Reformziele und sind auf einem guten Weg. Nicht zuletzt deshalb sind die Mittel des EFSF erst zu einem Viertel abgerufen. Und so haben wir heute auch nicht die Erhöhung des Kreditrahmens beschlossen, sondern die Umstrukturierung, damit der EFSF ein sog. AAA-Rating mit entsprechend niedrigen Zinsen erhält.

Oft werde ich gefragt, ob es am Ende gelingen wird, Griechenland vor der Staatspleite zu retten. Die Antwort darauf können nur die Griechen selbst geben, in dem sie die notwendigen Konsolidierungsziele in ihrem Land durchsetzen und erreichen. Nur dann werden die Zahlungen aus dem ersten Griechenlandpaket erfolgen. Sollten die Ziele nicht erreicht werden, so wird wohl kaum ein Weg an der Insolvenz des Landes vorbeigehen. Doch dies wird eine große Herausforderung für die Eurozone, denn alleine drei französische Banken halten heute noch griechische Staatsanleihen im Wert von über 60 Mrd. Euro. Wenn ein solches Insolvenz-Szenario Realität würde, brauchen wir ein schnelles Instrument, um die Folgen in anderen Ländern abzudämpfen, damit es nicht zum unkontrollierten Zusammenbruch kommt. Und genau dafür bietet der umstrukturierte EFSF entsprechende Werkzeuge.

Wenn wir allerdings über Verantwortung und Konsequenzen reden, dann gibt es etwas, das mich sehr, sehr ärgert: Dass diejenigen ungeschoren davonkommen, die uns den ganzen Schlamassel eingebrockt haben. Gerhard Schröder und Joschka Fischer waren diejenigen, die gegen jede Vernunft Griechenland in die Eurozone aufgenommen haben, obwohl Griechenland selbst mit den bereits damals gefälschten Zahlen die Aufnahmekriterien nicht erreicht hatte. Gegen die Stimmen der CDU/CSU Fraktion hat rot/grün diese Aufnahme einfach durchgepeitscht. Und der von Helmut Kohl und Theo Waigel eingeführte Stabilitätspakt wurde nicht von Griechen oder Spaniern gebrochen, sondern ebenfalls von Schröder und Fischer: Sie haben als erste Regierung das 3%-Defizitkriterium gebrochen und Sanktionen verhindert. Damit haben sie den Dammbruch ausgelöst, der die heutigen Probleme verursacht hat.

Wir müssen nun die Scherben dieser katastrophalen Politik aufkehren, während Peer Steinbrück uns heute ernsthaft auch noch Ratschläge im Plenum erteilt. Der Mann, der als Ministerpräsident und Finanzminister in Nordrhein-Westfalen die Verschuldung um fast 50% gesteigert hat. Mir fehlen dazu einfach die Worte und ich finde das einfach nur noch unerträglich.

Nun ist es unsere Aufgabe, diese wirklich schwierige Krise zu meistern und sowohl die europäische Integration wie auch unseren wirtschaftlichen Wohlstand zu sichern. Angela Merkel hat in der Bankenkrise immer die Devise ausgegeben: Gestärkt aus der Krise hervorgehen. Dies gilt auch jetzt. Ich weiß, dass viele Entscheidungen eine Zumutung für jeden Menschen mit Verantwortungsbewusstsein und Wertekompass sind. Daher müssen wir die Weichen jetzt so stellen, dass es eine Politik der Unverantwortung nicht noch einmal geben darf. Ich hoffe und wünsche mir, dass Sie mich und uns kritisch auf diesem Weg begleiten.

Ihr Thomas Jarzombek